Produzieren nach der Pandemie
Langfristige Auswirkungen der Covid19-Pandemie
Diskussionen um die ökonomischen Folgen der Coronakrise gehen selten über das nächste Maßnahmenpaket hinaus. Dabei werden die Folgen der Krise die Industrie langfristig beschäftigen. Wie es genau weitergeht, ist aufgrund fehlender Präzedenzfälle weitgehend unklar. Doch einige Tendenzen zeichnen sich schon jetzt deutlich ab.

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Jahr 2020 in Deutschland um rund 5,5 Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr. Aktuell vorliegende Konjunkturprognosen gehen zwar von einer allmählichen Erholung aus, so dass das Vorkrisenniveau des Bruttoinlandsprodukts gegen Ende des Jahres 2021 wieder erreicht werden wird. Dies basiert aber auf der Annahme, dass ein zweiter flächendeckender Lockdown des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens vermieden werden kann, was sich inzwischen als unzutreffend herausgestellt hat. Selbst dann muss man aber davon ausgehen, dass die Krisenfolgen auch langfristig noch spürbar sein werden. Es ist erstaunlich, dass die langfristigen Krisenfolgen in Politik, Öffentlichkeit und auch in der Wissenschaft bislang kaum thematisiert werden. Denn es lassen sich durchaus schon jetzt einige grundlegenden Tendenzen ableiten, die für die künftige Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutsam sein werden.

Das Produktionspotenzial

Das Produktionspotenzial gibt als statistische Kenngröße an, wie sich die angebotsseitigen Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft entwickeln. Es hängt insoweit außer von der verwendeten Produktionstechnologie vor allem von der Ausstattung mit Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und technologisches Wissen) ab. Zu vermuten ist, dass die aktuelle Corona-Pandemie alle drei Faktoren zumindest temporär negativ beeinflussen wird.

Produktionsfaktor Arbeit

Etliche Arbeitskräfte werden in der Pandemie ihren Arbeitsplatz verlieren, weil Unternehmen bei schwach ausgelasteten Kapazitäten Beschäftigte entlasten und auch, weil einige Unternehmen die Krise nicht überleben werden. Nach der Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2020 dürften wegen der Corona-Pandemie rund 800.000 Arbeitsplätze weggefallen sein. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Teil davon aufgrund veränderter Qualifikationsanforderungen seitens der Arbeitgeber oder aufgrund einer Veränderung der Wirtschaftsstrukturen nicht wieder in Beschäftigung zurückfinden wird, so dass sich das effektiv nutzbare Arbeitskräftepotenzial quantitativ, zumindest aber qualitativ verringert.

Produktionsfaktor Sachkapital

Mit Blick auf die Kapitalausstattung der Wirtschaft macht insbesondere die zu erwartende Investitionszurückhaltung der Unternehmen Sorgen. Konjunkturprognosen zufolge werden die realen Ausrüstungsinvestitionen, die sich schon im Jahr 2019 äußerst schwach entwickelt haben, noch bis zum Jahr 2022 auf niedrigem Niveau verharren. Auf der einen Seite vermindern die pandemiebedingten Umsatz- und Gewinnausfälle die Möglichkeiten der Unternehmen, Investitionen in den Sachkapitalstock zu finanzieren – auch weil die Bereitschaft der Banken zur Kreditgewährung mit von der Eigenkapitalausstattung der Kreditnehmer abhängig ist. Und auf der anderen Seite sinkt auch der Investitionsbedarf bei weiterhin unterausgelasteten Kapazitäten. Schließlich dämpft auch die Unsicherheit über die Erholung die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Wenn aber weniger investiert wird, dämpft dies nicht nur die Modernisierung des Produktionsapparats und damit die Produktivitätsentwicklung, sondern kann auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze verringern.

Technologisches Wissen

Das Wachstum des Produktionspotenzials wird erheblich durch den technischen Fortschritt vorangetrieben. Auch hier ist von einer Dämpfung auszugehen, denn viele Unternehmen sehen sich aktuell zu Kosteneinsparungen gezwungen – was möglicherweise auch die Forschungsbudgets einschließt. Längerfristig könnte es überdies bei der öffentlich finanzierten Forschung zu Einschränkungen kommen, wenn Bund und Länder aufgrund der fiskalischen Belastungen durch die Coronakrise auch bei Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Forschungsförderprogrammen sparen sollten. Dem steht allerdings entgegen, dass auch die zur Abfederung der Krise beschlossenen Konjunkturprogramme zum Teil auf die Unterstützung von Forschung und Entwicklung gerichtet sind. Beschleunigend auf die Entwicklung des Produktionspotenzials könnte sich zudem auswirken, dass die Coronakrise die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft vorangetrieben haben dürfte. Dies kann sich positiv auf die Produktivität des Faktoreinsatzes auswirken, so wenn überflüssige Dienstreisen durch virtuelle Meetings ersetzt werden oder neue technische Ausstattungen zum Einsatz kommen. Unklar ist allerdings, inwieweit auch eine verstärkte Nutzung von Homeoffice-Lösungen produktivitätssteigernd wirkt. Zum derzeitigen Zeitpunkt lassen sich die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Höhe und die Entwicklung des Produktionspotenzials nicht präzise quantifizieren. Dessen ungeachtet beträgt schon aktuell (Schätzung für den Zeitraum 2019-2025) das Potenzialwachstum lediglich rund 0,9 Prozent pro Jahr, rund einen halben Prozentpunkt weniger als im Zeitraum 1996-2019. Grund für das langsamere Wachstum der Produktionsmöglichkeiten ist dabei vor allem der weithin ausgereizte Spielraum für eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung sowie ein geringeres Wachstum des Kapitalstocks. Zu befürchten ist, dass das Potenzialwachstum nach der Corona-Pandemie noch geringer ausfällt als bislang schon erwartet.

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